Lecken kann Teil sozialer Interaktion sein. Seine Bedeutung lässt sich jedoch nicht an einem einzelnen Schlecker ablesen.
Ben macht es jeden Morgen.
Kaum sitzt Laura mit ihrem ersten Kaffee auf dem Sofa, steht die kalte Nase ihres Hundes an ihrem Arm. Einmal schlecken. Zweimal. Dann die Hand.
„Ja, ich hab dich auch lieb."
Für Laura ist die Sache klar: Ben küsst sie.
Aber stimmt das überhaupt?
Die kurze Antwort: Vielleicht.
Die längere ist deutlich interessanter.
Lecken ist Kommunikation – aber kein Wörterbuch
Lecken beginnt bei Hunden lange bevor ein Mensch ins Spiel kommt. Hündinnen lecken ihre Welpen nach der Geburt. Maul- und Leckverhalten spielt außerdem in unterschiedlichen sozialen Situationen eine Rolle.
Was das Verhalten im einzelnen Moment bedeutet, lässt sich jedoch nicht mit einer einfachen Übersetzung erklären.
Ein Schlecker bedeutet nicht automatisch: „Ich liebe dich."
Eine 2018 in Behavioural Processes veröffentlichte Studie von Natalia Albuquerque und Kollegen untersuchte das sogenannte mouth-licking – also das Lecken über das eigene Maul.
Die Hunde zeigten dieses Verhalten häufiger beim Anblick negativer menschlicher Gesichtsausdrücke als bei positiven. Außerdem trat es häufiger bei menschlichen als bei hündischen visuellen Reizen auf.1
Wichtig ist dabei: Die Studie untersuchte das Lecken über das eigene Maul – nicht den klassischen „Hundekuss" auf die Hand eines Menschen.
Sie zeigt vor allem eines: Leckverhalten ist komplexer, als wir es im Alltag gern übersetzen.
Küsst mein Hund mich also gar nicht?
So einfach ist es ebenfalls nicht.
Leckt ein entspannt wirkender Hund seinen vertrauten Menschen in einer ruhigen Situation ab, kann das durchaus Teil einer freundlichen sozialen Interaktion sein.
Aber auch Aufmerksamkeit und Lernerfahrung spielen eine Rolle.
Ben leckt Lauras Hand. Laura lächelt, spricht mit ihm und krault seinen Rücken.
Für Ben folgt auf das Lecken also ziemlich zuverlässig etwas Angenehmes.
Warum sollte er damit aufhören?
Aus „Mein Hund leckt mich" wird schnell „Mein Hund zeigt mir seine Liebe". Möglich ist das. Wissenschaftlich sauberer wäre aber: Ben sucht soziale Interaktion – und hat vermutlich gelernt, wie gut seine Methode funktioniert.
Der Hund drumherum ist entscheidend
Wer verstehen will, warum der eigene Hund leckt, sollte deshalb nicht nur auf die Zunge schauen.
Wie wirkt der restliche Körper? Ist der Hund locker und sucht Nähe? Oder wendet er den Kopf ab, wirkt angespannt und leckt sich wiederholt über das Maul?
Auch die Situation zählt.
Kommt der Hund gerade zur Begrüßung? Hat das Lecken in der Vergangenheit zuverlässig Aufmerksamkeit gebracht? Oder tritt es auffällig häufig in angespannten Momenten auf?
Der Kontext ist meist aussagekräftiger als das Lecken allein.
Und dann gibt es noch eine weniger romantische Möglichkeit.
Menschen schmecken interessant.
Schweiß hinterlässt Salze auf der Haut. Dazu kommen Gerüche und Rückstände von Dingen, die wir berührt haben.
Manchmal ist der vermeintliche Liebesbeweis vielleicht schlicht eine Geschmacksprobe.
Darf mein Hund mich ablecken?
Für die meisten gesunden Menschen führt der Kontakt mit einem Hund nicht zu einer Erkrankung. Trotzdem gehört Hundespeichel nicht in offene Wunden.
Bakterien der Gattung Capnocytophaga kommen im Maul von Hunden und Katzen vor. Nach Angaben der US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention können sie unter anderem übertragen werden, wenn Speichel in eine offene Wunde gelangt. Erkrankungen sind selten, können aber schwer verlaufen; ein erhöhtes Risiko besteht besonders bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem.2
Ben darf Laura also weiterhin begrüßen.
Nur vielleicht nicht direkt auf der frischen Schnittwunde.
Und ob er sie wirklich küsst?
Das weiß vermutlich nur Ben.
Laura ist sich jedenfalls sicher.
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Albuquerque, N., Guo, K., Wilkinson, A., Resende, B. & Mills, D. S. (2018): Mouth-licking by dogs as a response to emotional stimuli. Behavioural Processes, 146, 42–45. DOI: 10.1016/j.beproc.2017.11.006. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29129727/ ↩︎
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Centers for Disease Control and Prevention (CDC): About Capnocytophaga. https://www.cdc.gov/capnocytophaga/about/index.html ↩︎

